Buchgestaltung in Zeiten von KI: Handwerk, Haltung und Persönlichkeit
Persönlichkeit zeigen – gerade jetzt
Lies hier, wie ich mit dem Thema Buchgestaltung und KI umgehe.
Wenn ich dieses Bild sehe – die Landschaft hier, das Licht, der Moment – dann ist das meins. Original von mir gesehen, mit meinen Augen. Gefühlt mit meinem Herzen. Die Worte, die mir dazu einfallen, produziert von meinem Hirn, aufgeschrieben mit einem Kuli auf Papier, in meiner Handschrift.
Das ist erst mal gut. Und viel mehr, als ich mir wünschen kann.
Gerade hier, fern ab der Heimat in Südafrika, ist ja erst mal alles wie früher: die Welt, die Natur, ich als Mensch, der es erlebt. Urlaubsmodus. Das ganz normale Leben. Ohne diesen Hype, der seit neuestem vermeintlich dazugehört und uns alle noch besser machen soll.
Impulse ja – Seele nein
Es ist so verlockend, sich mit Claude an den Tisch zu setzen. Schade, dass ich nicht einfach den leckeren Südafrika-Rotwein mit ihm trinken kann. Gemeinsame Momente erleben – das geht nicht mit der KI. Dabei ist er manchmal ein besserer Gesprächspartner als ein Mensch, mit dem ich mich nicht so gut verstehe.
So nehme ich ihn nur als Gesprächsbuddy, der mir Impulse liefert, die ich alleine nie gehabt hätte. Gefüttert mit meinen Skills, mit dem Wissen von Millionen von Menschen dieser Welt, liefert er einen durchaus brauchbaren Mix an Ideen, Formulierungen, Texten, die wirklich nach mir klingen. Ich finde es okay, damit zu arbeiten und zu leben – aber ich mache den finalen Check. Die Endkorrektur, wie im richtigen Grafikerleben.
Und genau das ist der Punkt. Wer keine eigene Stimme hat, dem kann die KI auch keine geben. Was sie ausspuckt, klingt nach allen und nach niemandem. Persönlichkeit lässt sich nicht prompten. Sie entsteht durch jahrelange Arbeit, durch Haltung, durch echte Entscheidungen. Gerade heute – in einer Welt, die mit generiertem Content geflutet wird – ist das der einzige Unterschied, der zählt.
Der digitale Büchermüll
„Slop“ – Medieninhalte von niedriger Qualität, massenhaft von KI produziert – ist inzwischen Wort des Jahres. Kein Wunder. Amazon wird geflutet von identischen Büchern, die ohne Hirn, ohne Herz und ohne jeden Grund außer dem schnellen Geld ausgespuckt werden. Prompt rein, 250 Seiten raus – gelangweilte Frau Mitte dreißig will sich selbst finden, spielt am Meer, Cover in Pastell bitte gleich mitliefern – fertig, veröffentlicht, verkauft. Weltweit rund 5.000 Bücher pro Tag. Tendenz steil nach oben.
Das macht mich wütend. Nicht wegen der Technologie – sondern wegen der Haltung dahinter. Oder besser: der fehlenden.
Habe ich Angst, meinen Job zu verlieren?
Ehrlich gesagt: nein. Noch nicht. Buchgestaltung in Zeiten von KI geht noch per Hand.
Ich sehe meine beiden Monitore vor mir. Da fließt die Kreativität direkt aus meiner Hand, die die Maus hin und her schiebt, ein bisschen klickt. Ich suche in meinem System nach Schriften, Bildern, Texten. Ich wühle in digitalen Schubladen. Ich finde passendes Material. Das Bild fügt sich zusammen. Eine direkte Verbindung von Hirn zu Auge zu Hand zu Maus. Ich sehe, denke, kombiniere, plane, probiere, verwerfe, gestalte.
Seit Jahrzehnten liebe ich diese Arbeit.
Und – noch gibt es Gott sei Dank keine Möglichkeit, ein ganzes Buch in InDesign von Claude und Co. setzen zu lassen. Solange ich noch in klassischer Handarbeit meine Druckdaten produzieren kann: alles gut.
KI als Werkzeug – nicht als Ersatz
Vielleicht ist KI als neues Werkzeug genau so eine Revolution wie vor ca. 30 Jahren, als sich die Drucktechnik von analog zu digital wandelte. Layouts zusammenkleben, Reinzeichnungen in die Reproanstalt geben – und dann kam DTP. Desktop Publishing. Damals war die Aufregung auch groß. Das Handwerk hat trotzdem überlebt.
Ich bleibe Chefin. Ich bestimme, was die KI macht. Ich nutze sie als braven Mitarbeiter, dem man sagt, was er zu arbeiten hat. Die KI darf helfen. Ich freue mich sogar darauf, Claude für die nervigen Putzarbeiten zu nutzen – Ordner sortieren, Müll rausbringen. Selber hab ich keine Lust dazu. Und er arbeitet weit unter dem Mindestlohn.
Meine Haltung dazu ist klar: KI ist ein Werkzeug. Eines von vielen, die ich in 25 Jahren kennen und nutzen gelernt habe. Was es nicht kann – und nie können wird – ist, meine Erfahrung zu ersetzen. Mein Urteil. Meinen Blick. Das, was ich in Jahrzehnten in meine Arbeit eingebracht habe und täglich verwende.
Das ist Handwerk. Und Handwerk hat eine Handschrift. Meine. Persönlichkeit lässt sich nicht prompten. Genau das ist es, was im Rauschen der Masse sichtbar bleibt.
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